Der Kulturspeicher war sehr gut besucht, als die Stiftung Kultur tut Leer gut am Sonntag zu einer besonderen Begegnung mit Erich Kästner einlud. Unter dem Titel „Erich Kästner und seine Zeit“ nahmen die „NEUEN 3“ das Publikum mit auf eine Reise durch das Leben eines Mannes, den viele vor allem als Autor von Emil und die Detektive, Pünktchen und Anton oder Das fliegende Klassenzimmer kennen.
Doch an diesem Nachmittag wurde deutlich: Erich Kästner war weit mehr als ein beliebter Kinderbuchautor.
Die Rezitatorin Heike Koschnicke zeichnete das Bild eines außergewöhnlichen Schriftstellers und eines ebenso widersprüchlichen Menschen. Kästner war scharfer Beobachter seiner Zeit, Journalist, Satiriker und Kabarettdichter. Er schrieb unter zahlreichen Pseudonymen und verstand es, mit Witz, Ironie und großer sprachlicher Genauigkeit den Menschen und ihrer Zeit den Spiegel vorzuhalten.
Besonders eindringlich war der Blick auf die dunklen Jahre des Nationalsozialismus. Als am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz seine Bücher verbrannt wurden, war Erich Kästner selbst anwesend. Er war der einzige der betroffenen Autoren, der das Geschehen unmittelbar miterlebte – auch, weil er als Zeitzeuge sehen und später darüber berichten wollte. Seine Bücher verschwanden aus den Flammen nicht aus seinem Gedächtnis. Kästner blieb in Deutschland und erlebte die folgenden Jahre unter zunehmend schwierigen Bedingungen.
Eine ganz andere, sehr persönliche Seite des Schriftstellers zeigte sich in seiner engen Beziehung zu seiner Mutter. Erich Kästner schrieb ihr zeitlebens regelmäßig Briefe – eine außergewöhnlich intensive Verbindung, die einen Kontrast zu dem öffentlichen und oft scharfzüngigen Beobachter bildete.
Auch privat verlief sein Leben nicht geradlinig. Kästner heiratete nie, hatte jedoch einen Sohn. In seinen späteren Jahren zog er sich zunehmend zurück. Der Ruhm, die Erfahrungen seines Lebens und die Enttäuschungen seiner Zeit hatten Spuren hinterlassen. Auch sein zunehmender Alkoholkonsum gehörte zu den schwierigen Seiten seines Lebens.
Gerade diese Widersprüche machten das Porträt an diesem Nachmittag so eindrucksvoll: der gefeierte Kinderbuchautor und der politische Satiriker, der humorvolle Sprachkünstler und der ernste Zeitzeuge, der erfolgreiche Schriftsteller und der Mensch mit seinen persönlichen Brüchen.
Für die musikalische Dimension sorgten Linda Moeken am Klavier und der Bariton Peter Alexander Herwig. Besonders Herwigs ausdrucksstarke Stimme verlieh den Liedern eine große Intensität. Warm, kraftvoll und zugleich fein nuanciert füllte sein Bariton den Raum und schuf gemeinsam mit dem einfühlsamen Klavierspiel Linda Moekens immer wieder eindrucksvolle musikalische Momente.
So entstand ein Nachmittag, der Literatur und Musik miteinander verband und den Blick auf einen Erich Kästner eröffnete, den es neu zu entdecken gilt.
Am Ende blieb die Erkenntnis: Hinter den bekannten Kinderbüchern stand ein Mann, der seine Zeit genau beobachtete, der mit Worten kämpfen konnte, der Humor als Waffe verstand – und der trotz aller persönlichen Widersprüche bis heute etwas zu sagen hat.
Der sehr gute Besuch im Kulturspeicher zeigte, dass Erich Kästner auch mehr als fünf Jahrzehnte nach seinem Tod nichts von seiner Faszination verloren hat.